Abbau Ost: Lügen, Vorurteile und sozialistische Schulden
von



 
Anfangs Hui, Später Pfui
• • • •   (bewertet mit 1 von 5 Punkten)

Mit offensichtlich viel Wut im Bauch über die Beamten-BRD ergießt sich Olaf Baale auf 296 Seiten über den größten Betrug an den Ostdeutschen: Der Wiedervereinigung.

Auf den ersten hundert Seiten wird die unmittelbare Phase nach der Wiedervereinigung dargestellt: Währungsumstellung, sozialistische Altschulden, Eigentumsquärelen und Treuhand-Privatisierung. Offenkundige und weitgehend akzeptierte Fehler der Wiedervereinigung werden dargelegt und zwar eindeutig nicht neutral aber dafür durchaus packend durch tragische Anekdoten unterfüttert. Im großen und ganzen finden sich hierbei etablierte Meinungen wieder, die im Detail jedoch auch dem Interessierten neue Anregungen bringen auch wenn mehr als einmal die offensichtliche Wut und Ohnmacht des Authors durchklingt.

Leider wird dieses Buch nach diesen ersten Hundert Seiten über die unmittelbaren Wendewehen mehr zur Qual denn zur Freude. In offensichtlicher Frustration holt Baale zum Rundumschlag auf alle Problembereiche der Republik aus: Bürokratie und Netzwerke, Demokratie und Parteienstaat, Steuerlast und Rentensystem, gesellschaftlicher Wandel und soziale Ungleichheit. Bisweilen schlecht recherchiert, zusammenhangslos und mit unhaltbaren Behauptungen. In Baales kruden Gesellschaftsbild vermischen sich hierbei Staatsbürgerkunde mit dem klassischem Neoliberalismus à la von Mises.

Die Grundaussage dieses Buches lässt sich wie folgt zusammenfassen:
(a) Die alte Bundesrepublik wäre schon lange zusammengebrochen oder zumindest runderneuert, hätte sie sich nicht an der DDR gesundgestoßen,
(b) der wirtschaftliche Rückstand der neuen Länder ist einzig auf das ausplündern und runterwirtschaften durch unfähige "Wessi"-Beamten zurückzuführen und
(c) war die DDR eigentlich ein rundum gut funktionierendes Gemeinwesen welches durch eine Bonner intrige und karrieregeile Bürgerrechtler verraten wurde.

Während Baale mit der Ansicht (a) wohl nicht alleine Dasteht ist (b) wohl doch sehr naiv, (c) mitunter gefährlich. Die größte Schwäche Baales ist daher auch eine vollkommen unkritische Betrachtung der DDR. Mit keinem Wort wird der ökonomische, soziale, politische und ökologischen Bankrott erwähnt, dessen Spätfolgen heute noch nachwirken. Kein Wort über eine defizitäre Kommandowirtschaft, über die STASI, über die Milliardenteuren Umweltfolgen, den Raubbau an der Substanz der Infrastruktur und Bodenschätze, einen verfehlten Städtebau, über den Schießbefehl, über die Klüngelwirtschaft alter Männer und die systematische Ausgrenzung von Regimekritikern und Christen sowie den Betrug an Lebenschancen ganzer Generationen der sich auch in Millionenfach verlorenen Lebensjahren widerspiegelt (siehe die erheblich kürzere Lebenserwartung in der DDR). Stattdessen ein Hochloben der alten SED-Eliten, mit einer wirren Überschätzung wirtschaftlicher und technologischer Leistungsfähigkeit und ein lobgesang auf sozialistische Errungenschaften, die ach so Unbürokratisch waren.

Sicherlich liegt Baale richtig dass nicht alles in der DDR schlecht war. Hier wird wie bei anderen Authoren auch die flächendeckende Kinderbetreuung und der Hohe Anteil von Frauen in technischen und naturwissenschaftlichen Berufen aus dem Hut gezaubert. Richtig ist sicherlich auch, dass in der unmittelbaren Nachwendezeit Fehler gemacht wurden und Hoffnungen enttäuscht wurden. Leider geraten diese Berechtigten und dringend aufzuarbeitenden Punkte wie bspw. eine kritische Betrachtung der Treuhand (und der heutigen TLG) durch Baales Ergüsse über den Westdeutschen (preußischen) Beamtenstaat und den Betrug an den Ostdeutschen völlig in den Hintergrund. Was bleibt ist die dumpfe Wut des Authors auf die räuberische Bundesrepublik die in einer völlig unakzeptablen Vergötterung der verlorenen DDR endet. Aufarbeitung sieht anders aus.
Eine Rezension von N. Große >
vom 14. August 2009
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